Dieser Text erschien in einer Beilage der Wiener Zeitung Der Standard
Erkenntnisse aus meiner Nachttischschublade
1. Es war mir immer ein Rätsel, wie es Journalisten geben kann, die über eine leere, aufgeräumte Schreibtischplatte verfügen. Wohin mit den Ausstellungseinladungen? Den Bildbänden, den CDs, die tagtäglich angespült werden? Aus denen ein Artikel werden könnte! Die eine Gelegenheit bergen, mit lieben Kollegen gratis zu bechern. Wohin mit den Bücherstapeln und Sichtmäppchen, die man für diese oder jene Geschichte braucht? Mein Schreibtisch jedenfalls ist immer voll, egal wir groß er ist. Schon in der Schule, schien mir, hatte ich immer mehr Sachen als die anderen. Und musste einige Male die Demütigung über mich ergehen lassen, dass der Lehrer coram Klassenkollegen mein Pult neigte, bis alles auf den Boden purzelte.
2. Es muss traumatisch gewesen sein, denn heute bezahle ich harte Schweizer Franken, um die Ordnungs-Peitsche zu schmecken. Jede Woche habe ich Hausbesuch von einer Portugiesin. Sie arbeitet bei mir als Putzfrau, was heißt, dass ich vorher ein wenig aufräumen mussmussmuss. Weil sie schon seit drei Wohnungen bei mir putzt, habe ich mich gänzlich unterworfen und sie beim letzten Umzug nach ihrem eigenen Gusto Kleider, Küchenutensilien und Krimskrams einräumen lassen. Mein Daheim ist jetzt ihr Reich, die Dinge, die ich besitze, unterliegen ihrem Regime, und allesamt beugen wir uns ihrem Willen zum Blitzblanken. Bei meinem Freund Thomas Campolongo hat eine tiefgläubige Scheuerfrau das Zepter, und wenn er Arakis Bondage-Bildbände oder Nackedei-Illustrierten herumliegen lässt, dekoriert sie die Wohnung mit gezeichneten Christenkreuzen samt Ausrufezeichen. Damals, als man’s gerne schräg hatte und den Tisch parallel zur Zimmerdiagonale statt zu den Wänden stellte, hatte ich eine Putze, die sich weigerte, das Konzept “schräg” als Aggregatzustand einer aufgeräumten Wohnung auch nur in Betracht zu ziehen. Außerdem warf sie alle Zeitungen, ja selbst rausgerissene Artikel weg, kurzum, das Putzfrauensystem zeitigt zivilisierende und hegende Wirkung.
3. Kaum entfliehe ich der Fuchtel meiner Putzdomina und bin länger als einen halben Tag in einem Hotelzimmer, sieht es aus wie im Zimmer eines sehr schlimmen Teenagers auf Konfrontationskurs mit Muttern. Ich vermute, das hängt auch mit der Unordnung im Hirn zusammen. Wäre man ein ordentlich anständiger Mensch, man läse bloß ein Buch, und erst wenn es zu Ende wäre, griffe man sich ein neues. Um mein Bett herum aber türmen sich die Stapel, weil ich nächtens für jede Befindlichkeit gewappnet sein will. Dann diese Unentschlossenheit in Sachen Kleider! Ich streife den blau-weißen Matrosenpullover über und finde: zu knabenhaft. Ich probiere den indischen Leinenanzug, seh’ mich im Spiegel, und augenblicklich schläft mir das Gesicht ein, weil ich ihn zu oft getragen habe. Bis ich aus dem Hause gehe, liegt ein ganzer Berg Kleider da. Hämisch grinsende Hemden raunen mir zu:
Nie und nimmer schaffst du’s, mich wieder in ein Rechteck zu falten! Ich will jetzt einen eigenen Bügel.
Ich tue so, als hätt ich nix gehört, und lasse die Bagage liegen.
4. Gestern Nacht riss ich im Zustande ebenso fortgeschrittener wie fröhlicher Trunkenheit meine Nachttischschublade zu enthusiastisch auf, sodass der Inhalt mit Getöse zu Boden flog. Pardauz! Beim nächtlichen Wasserlassen, der einzigen Tätigkeit neben Schlafen und Beischlafen, die ich ohne meine Brille (neun Dioptrien!) besorge, ließ mich der Autopilot, blind, wie ich war, das Plastikschälchen zertreten, in dem seit Monaten die unberührten Sticks für Zahnzwischenraumreinigungen lagern, die mir der Herr Zahnarzt so dringend anempfiehlt. Auf dem Weg zurück blieben zwei, drei UFEs (unidentifizierbare Entitäten) an meinen Sohlen kleben, die sich aber, kaum war ich wieder unter der Decke, abstreifen ließen und jetzt wahrscheinlich im Bett wohnen bleiben, bis die Wäsche gewechselt wird.
5. The day after. Atomarer Winter verdüsterte den Himmel, zerlumpte, brandige Gestalten streiften durch mein Schlafzimmer, derweil ich die Trümmerfrau gab und die Schublade wieder einräumte. Otrivin Nasenspray. Eine 10er-Packung roter Ohropax-Soft-Schaumstoffstöpsel, diverse gelbe Ohrstöpsel, Post-it-Notizzettel mit unleserlichen Notizen, Visitenkarten von Menschen, die ansonsten keinen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Vier Bleistifte, konventionell, sieben Druckbleistifte, ein rosafarbener Textmarker, drei Kugelschreiber, zwei MiniDV-Kassetten, eine große Schraube unbekannter Herkunft, die aber dermaßen unüblich aussieht, dass man sie nicht wegzuwerfen wagt, weil der Tag kommen könnte, da man genau diese Schraube braucht.
(Haemmerli? Jack Bauer, CTU Los Angeles, am Apparat. Ein Hubschrauber ist unterwegs. Wir haben hier einen scharfen Thermonuklearkopf, wir brauchen die Entschärfungsschraube, jetzt!)
Ein Touristen-Quellwassertrinkbecher aus Karlsbad. Ein Ansteckbutton von Yoko Ono mit der Aufforderung “Breathe”, ein Ansteckbutton von Cornel Windlin mit der Feststellung “Roger Köppel is a wanker”. Ein kleines Feuerzeug (obwohl sowohl ich als auch die Nachttischschublade seit vielen Jahren nicht mehr rauchen), ein silberner Design-Schlüsselanhänger, der mir einst als Geburtstagsgeschenk zulief, zwei Pärchen Manschettenknöpfe, diverse Advil-Dragees gegen Migräne und Katerkopfweh, eine Salbe, die gegen Beschwernisse im Bereich des Untenrum Dienst getan hatte, sowie die Wundsalbe, die ich auf die transplantierte Haut (Totalschaden) hätte streichen sollen. Büroklammern, ein paar Münzen, lose Batterien, Druckbleistiftminen (0,5), Inflamac Antirheumamittel gegen Stechen in der Brust und, neu, auch noch lose Zahnzwischenraumreinigerstäbchen.
6. Gründlich aufräumen ist wie Inventur machen. Jeder Gegenstand geht einem wenigstens einmal durch die Finger. Glücklich, wer da leichten Herzens “Ab in den Müll!” entscheiden kann. Unglücklich meine Mutter, die nix wegwerfen konnte und ein schwerer Fall eines Messies war. Justament an meinem vierzigsten Geburtstag vernahm ich die Nachricht ihres Todes. Der Leichnam hatte wenigstens eine Woche auf der Bodenheizung gelegen und war stark verwest. Der nächste Schock war die komplett vermüllte Wohnung. Weil sich niemand finden ließ, der einem derlei abnimmt, und weil wir ein paar Dokumente behändigen mussten, räumten mein Bruder und ich während eines Monats jeden Tag von früh bis spät auf.
7. Unerträglich war der Fleck, der vom Leichnam übrig geblieben war. Und der Leichengestank, der sich nicht vertreiben ließ. Mein Bruder, ein hartgesottener Gastronomieunternehmer, nahm den Kampf gegen Mutterns olfaktorische Hinterlassenschaft auf, mixte einen scharfen Cocktail aus Javelwasser, Meister Proper und was sich sonst noch so fand. Keine Chance! Selbst die vom Hausbesitzer georderten Alchemisten, die mit Spezialchemie arbeiteten, hatten keinen Erfolg. Leichensäfte, hatte mir der Fachmann erklärt, ziehen bis einen halben Meter in den Beton ein. Der Boden musste da, wo der Leichnam gelegen hatte, aufgespitzt und hernach frisch gegossen werden.
8. In den Materialbergen fand sich die Familiengeschichte. Peinliche Sachen kamen da zum Vorschein! Etwa dass mein Ururgroßvater Polizeirat Franz Ritter von Infeld in Wien Chef der Pressepolizei, also oberster Zensor, gewesen war. Umfangreichen Briefwechseln entnahm ich, dass seine Tochter Rosa in Graz das falsche Verhältnis gehabt hatte und, als die Geschichte aufflog, “den Kontinent verlassen” musste. Rosa verbrachte ihr Leben in einem Kloster in Irland und schrieb vor Sehnsucht nach Liebe überquellende Briefe nach Graz. Selbstverständlich habe ich all diese Briefe, Fotos sowie die Familienaufnahmen, die in den 30er-Jahren einsetzen, behalten.
9. Wirklich beunruhigt war ich, als ich herausfand, dass auch meine Oma eine vermüllte Wohnung hinterlassen hatte. Angst habe ich, seit ich weiß, dass Messies oft breit interessierte Menschen sind, die vom perfekten Archiv träumen. Ich doch auch. Und je mehr man weiß, desto mehr Gegenstände werden interessant. Gehe ich in ein Antiquariat, dann ruft’s bei den Kunstbüchern und der Geschichte, aus Politik und Fotografie, aus Reiseberichten und Tagebüchern verführerisch: Nimm mich! Nimm mich! Und weil ich in vier Sprachen lese, höre ich dann auch noch: Here I am! Vous me cherchez à moi? ¡Aquí!! ¡Aquí! Meine arme Mutter las in sechs Sprachen.
10. Schlimmer wird das Interesse an vielem durch die fixe Idee, alles könnte nochmals gebraucht werden.
(Haemmerli! Hier Jack Bauer. Die Schraube! JETZT!)
Meine Mutter rationalisierte das mit Ökologie. Keine Ressourcen verschwenden! Nix wegwerfen. Ironie der Geschichte: Im Chaos fand sie nichts und kaufte deshalb viele Dinge mehrfach. So fanden wir in der Wohnung fünf Bohrmaschinen. Zum Krankheitsbild gehört aber auch die Sentimentalität gegenüber den Dingen. Wer jedes Souvenir, jeden alten Ferienprospekt, jedes Grauen erregende Mitbringsel mit Gefühlen besetzt, dem erschiene es als Verrat, sich davon zu trennen. Verrat an den schönen Ferien. Verrat an der gemeinsamen Erinnerung. Verrat am lieben Geschenkgeber.
11. Vom ersten Tag an drehte ich in der Wohnung meiner Mutter. Die Aufnahmen wurden, zusammen mit Dokumenten, Fotos und Familienfilmen aus siebzig Jahren die Grundlage für meinen Dokumentarfilm Sieben Mulden und eine Leiche. Geschnitten habe ich mit meinem Cutter in Prag, um in Ruhe arbeiten zu können. Mark Divo, ein befreundeter Künstler, hatte mir seine angeblich leer stehende Großbürgerwohnung in Prag angeboten. Am ersten Tag entrümpelten wir. Mit Putzen begannen wir gar nicht erst, weil das wenigstens eine harte Woche Arbeit bedeutet hätte. Künstler eben! Außerdem kam Divo zurück, und ständig übernachteten mehrere Leute in Schlafsäcken, die Divo hier und dort aufgegabelt hatte. Eigenartig war: Ich, der Grandseigneur, der Luxushotels, schickes Leben und die Knute der Putzfrau liebt, hatte den Ekel vor dem Schmutz nach drei Tagen überwunden. Auch ich duschte nur noch jeden zweiten Tag und fand es in der chaotischen Groß-WG ohne Putzplan charmant und aufregend.
12. Und auch sonst bin ich optimistisch, denn es gibt Hoffnung für uns alle. Der Unterschied zwischen einem eingefleischten Sammler und einem Messie ist oft nur der zur Verfügung stehende Raum. Andy Warhol beispielsweise war ein krankhafter Sammler, der jeden Tag shoppen ging und alles und jedes sammelte. Mit einem Atelier und einem 26-Zimmer-Haus ist das aber kein Problem. In einer normalen Mietwohnung dagegen, wird es irgendwann so voll, dass man niemanden mehr in die Wohnung lässt. Das aber muss nicht mehr sein. Mit der Digitalisierung können wir alle den Warhol in uns von der Leine lassen. Mächtige Festplatten geben das 26-Zimmer-Haus, und wenn es voll ist, kauft man eins dazu. Im meinem Büro habe ich drei Terabyte - das sind 3000 Giga - stehen. Meine Musiksammlung ist größer als mancher Schallplattenladen. Von den digitalen Bildern, Büchern und Filmen ganz zu schweigen. Ich bin ein digitaler Messie. Ein Problem ist das nicht, denn für meine Putzfrau werde ich damit nie verhaltensauffällig.

28 Kommentare
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1 Jens am 9. Mai 2007, 23:26 Uhr
Mein lieber Herr Vater hat auch so ein Problem. Wenn er irgendwann mal nicht mehr ist dann muss ich mir erstmal einen Monat frei nehmen.
2 cloudy am 15. Mai 2007, 11:34 Uhr
Bis Punkt 5 dachte ich, mir wurde hinterher spioniert. Ab Punkt 6 musste ich merken, dass ich die einzige in meiner Familie bin, die so enden wird wie Ihre Mutter.
Aber positiv gesehen ist all das doch einfach ein gutes Zeichen von besonders grossem Wissensdurst und ich zeichne mich trotz meines jungen Alters von 25 als erfolgsversprechende Lebens-Lehrerin verantwortlich. Dank mir konnte sich meine Mutter ihren 0815-Blick aufs Leben abgewöhnen, dank dem Messie-Tum ihrer Tochter hat sie viel vom Leben gelernt, das ist doch auch was! Dafür putzt sie mir die Wohnung und ich kann sogar Leute zu Besuch einladen. Ein tolles Gefühl! ;)
3 Annamarie Mitchell am 28. Mai 2007, 2:00 Uhr
Hi thomas,Ich habe aus der SchweizDeinen
Artikel aus der Schweizer Familie 20 erhalten. Hat mich alles sehr interessiert.Lass mich doch wissen,wo Du und Erik heute lebenetc.Viele Gruesse Annamarie
4 Andrea O. am 9. November 2007, 15:28 Uhr
Ein Tip zu Nr. 7:
Gegen Leichengeruch hilft eigentlich nur eines, man rauche einen dicken Stumpen oder Krumme oder sonst was. Hauptsache QUALM.
Fragt einen erfahrenen Leichenbestatter!
5 andrea 2 am 12. November 2007, 14:04 Uhr
hey messies!
falls ihr etwas ändern möchtet: es gibt ein buch von ellen tedaldi ’susi sauber, aufgeräumt durchs leben’ das unglaublich coole alltagshilfen anbietet. im stil eines coaches der nebenher rennt und laufend tipps zuruft. zudem ist die website http://www.susisauber.ch ein ventil und eine quelle für uns vielen putzbeauftragten-ohne-ausbildung, sprich leute die ohne haushaltausbildung sich damit herumschlagen!
was natürlich auch cool wäre, wäre eine gesellschaftliche akzeptanz von uns messies… im stil von ‘es stapeln sich zwar berge von büchern, zeitungsartikeln, angefangenen werken bei ihr, aber die abende bei ihr sind immer so lustig, der austausch so anregend und das essen ist so fein…’ (ach ja, und ‘ihre kids sind total zwäg’ und, äh, ’sie ist so hilfsbereit in der nachbarschaft’, etc… ES GIBT DOCH MEHR KRITERIEN UM EINEN MENSCH ANZUSCHAUEN ALS NUR DESSEN WOHNUNGSZUSTAND!)
das susi sauber buch wurde von meiner wohnung wohlwollend aufgenommen. es führt irgendwo eigenleben. wenn ich es finde, werde ich es mal lesen.
danke an thomas haemmerli für den super beschrieb seines alltags! :-)
der mensch zählt - nicht die ordnung.
gruss,
andrea 2
ps. kenne zwei messies die mit dem buch die unordnung in den griff bekamen. sie sind begeistert.
6 Kristin am 2. Dezember 2007, 13:11 Uhr
Also erstmal: Sie MÜSSEN ein Buch schreiben - UNBEDINGT!!! Die Art und Weise wie Sie ihre Worte finden hat mich dauernd zum Lachen gebracht. Einfach köstlich!
Ich bin absolut einverstanden - der Mensch ist wichtiger.
Das Problem ist einfach dass diejenigen die einen kleinen Horizont haben und sich über die Nichtigkeiten des Lebens (z.B. ob nun der Waschmaschinen Filter in der Gemeinschaftswaschküche noch ein Haar vom Vorbenutzer enthielt oder nicht) und vorallem für die Belange anderer Leute die Sie eigentlich nicht zu interessieren haben - interessieren - niemals Gefühle in der Art oder vielmehr Ausprägung eines “Messies” enwickeln werden. Und daher auch nicht in der Lage sein dürften auch nur im Mindesten zu verstehen was jemanden bewegt dem es eben nicht egal ist was mit dem eigentlich hässlichen Gburtstagsgeschenk vom Netten Herrn in der Buchhaltungsabteilung im dritten Stock der Firma XY passiert. Weil er doch wirklich so nett war und es ja doch ganz bestimmt irgendmal jemanden gefallen muss…
Das mit der Festplatte - einsame Spitze - ich bin bei grade mal 800 Gigabyte und es naht der Tag wo ich zu *piiiiiiiiiep* renne um eine neue NAS Disk zu kaufen weil ich nicht anders kann als alle Folgen meiner X Lieblingsserien aufzubewahren, chronologisch geordnet und absolut neurotisch beschriftet. Und wenn ich dann alle habe, kommt eine Art innere Ruhe über mich - aber erst wenn die Serie nicht mehr läuft. Dann muss ich nicht jedesmal schauen dass ich keine Folge verpasse.
Mein Problem ist nicht die Unordnung - mein Problem ist dass der Tag einfach nur 24 Stunden hat und ich zu perfektionistisch bin.
Cheers
7 Luftgucker am 18. Dezember 2007, 20:01 Uhr
Oh, da sprichst du was an. Das Problem haben so manche.
Aber mal ehrlich. Die völlige Ordnung, wie geht das?
Irgendwo muss das Zeug doch hin, wenn man nicht gerade alles in den Müll stopfen will.
Aber den härtesten Fall, den ich kenne, der hat ein ganzes Zimmer bis zur Decke voller Klamotten, die er nicht wegwerfen möchte.
8 Alex am 26. Dezember 2007, 19:12 Uhr
Ich hab erst durch meine Kinder gelernt aufzuräumen. Davon hab ich inzwischen drei. Wenn ich nicht JEDEN Tag nachgehe, würden wir gar nichts mehr finden. Wie schön wird das sein, wenn ich wieder meine eigene Unordnung hab und alle “aus dem Haus” sind!
9 Rum Bernström am 6. Januar 2008, 0:06 Uhr
Aufräumen ist für mich ein wichtiger Lebensinhalt. Ohne eine ordentliche Bude kann ich nicht mal in Ruhe einen Film auf DVD schauen. “Ordnung ist das halbe Leben” stimmt für mich in dem Fall nicht, denn es ist mehr als die Hälfte. Dafür findet man alles auf Anhieb und fühlt sich wohl. Denke dass ist auch wichtig! Gruß, Rum Bernström (Schweden)
10 Martin am 7. Februar 2008, 1:07 Uhr
Der langläufigen Meinung, dass Ordnung nur was für Suchfaule ist, muss wiedersprochen werden.
Ordnung ist für mich eine Art Tuning ;)
Lässt es sich nicht schneller und angenehmer Arbeiten?
Im Chaos würde ich auf dauer auch mit verschwinden.
11 mark am 17. Februar 2008, 20:51 Uhr
Äußerlich erscheinen Messis oft als sehr kreative, offene und sozial engagierte, beruflich erfolgreiche Menschen. Tief in Ihnen schlummert allerdings ein Sumpf aus Depressionen, Selbstvorwürfen und Isolation. Dumm dass man es Ihnen nicht ansieht, sonst könnte man u.U. helfen!
12 Uwe am 18. Februar 2008, 17:50 Uhr
Ich kenne das Problem,
man sagt, wer Ordnung hält, ist zu faul zu suchen.
Man kann geteilter Meinung sein.
Im großen und ganzen Ordnung, aber man lebt in seiner Wohnung, Haus oder Büro.
Daher sehe ich ein bischen Unordnung als ganz normal an.
Wir sind ja nicht im OP.
Sehr gut geschrieben Herr Thomas Haemmerli.
Freundliche Grüße
Uwe Hannes
13 Ingeborg Middendorf am 17. April 2008, 22:30 Uhr
Sehr geehrter Herr Haemmerli ,
gerade hab ich den Messie Film gesehen und mich sehr mit Ihrer Mutter identifiziert. Intelligent, gut aussehend und ein interessantes Leben mit wohlhabendem Mann und zwei Kindern. Bin Autorin, erwachsener Sohn, lebe allein und bin über sechzig !
Der “Abstieg” im Alter - sowohl von Mutter als auch Großmutter hat mich sehr bewegt , sitzt doch die Furcht im Nacken , selber so zu enden.
Die Ordentlichste bin ich nicht. Auf einer Skala von 1 bis 6 liege ich bei 4. Ausreichend.Dennoch hab ich immer meinen Sohn in Gedanken beim Entrümpeln meiner Wohnung gesehen nach meinem Ableben. Sicher will der nicht das überholte Biedermeierzimmer. Noch von meinen Eltern . Denke manchmal, ich brauche die große Wohnung nur , damit sich meine Möbel wohl fühlen.
Eine Wohnung ist die zweite Hülle - gehört zur Person.Wie die Lebensgeschichte, die sie spiegelt. Bin noch weit entfernt vom Verkauf der Bilder und Möbel. Der Bücher und CDs.
Nur das Beste behalten. Vielleicht geht es so!? Und regelmäßig Besuch der Putzfrau !
Vielleicht waren die Dinge für Ihre Mutter Ersatz für das Leben. Denn als junge Frau mit Mann und Kindern hatte sie doch ein gemütliches Heim !Da war ja Leben in der Bude. Sich das Lebendige erhalten im Alter. Da kam nur ein Satz von Ihnen als Söhne - daß sie Abstand genommen hatten von der Mutter. Warum denn ? Zu wenig gemeinsame Interessen ?
Mich hat der Film deprimiert.Zwar hab ich mir vorgenommen, noch mehr aufzuräumen und weg zu werfen . Die Einsamkeit Ihrer Mutter hat mir aber sehr Angst gemacht und auch Ihre Haltung als Söhne.Traurig fand ich das.
Warum konnten Sie nicht zusammen mit der Mutter ausmisten und Spaß dabei haben - so wie mit den Freunden, die sich freuten Einiges geschenkt zu kriegen.
Ich will es so machen. Für mich und auch für meinen Sohn!
Dann hat der Wind des Lebens mehr Platz !
Ihnen alles Gute weiter und viel Erfolg ! Ingeborg Middendorf
14 Ulla am 18. April 2008, 1:43 Uhr
Ihr Artikel hat mich dazu angespornt endlich mal wieder aufzuraeumen. Ich habe zwei Soehne, die unfaehig (oder unwillig) sind, Ordnung zu halten. Dafuer gibt es bei beiden eine unterschiedliche Motivation. Mein aeltester ist an Allem interessiert, glaubt er kann alles gebrauchen, aber hat Schwierigkeiten zu katalogisieren. Sein (mein) Computer ist genauso disorganisiert wie sein Schreibtisch. Mein juengerer Sohn leidet an Antriebsschwaeche und ist einfach zu faul hinter sich aufzuraemen.
Ich glaube nicht, dass ein Sammlungstrieb notwendigerweise zum Chaos fuehrfen muss. Hier in Australien gibt es eine Fernsehsendung “Collectors”, in der sie Menschen zeigen, die fanatisch sammeln, alles von gruenen Gegenstaenden bis zu Waschmittel Paketen. Aber all diese Sammlungen sind zwanghaft geordnet, kein Chaos dort! Es scheint mir mehr der Fall zu sein, dass fuer Messies alles zu schwierig geworden ist ,und sie die Antriebskraft sich gegen die Lawine des taeglichen Lebens zu stemmen verloren haben.
15 Dierk am 18. April 2008, 10:53 Uhr
Basierend auf eigenen Erfahrungen mit einem Messi, die ich in den letzten Monaten (unfreiwillig) sammeln durfte, teile ich Ulla’s Einschätzung, dass Messi’s in erster Linie an ausgeprägter Antriebsschwäche leiden. Der Fall, den ich konkret kenne, ist im Grunde eine sehr traurige Geschichte von einem zerbrochenen Lebenstraum, die im totalen Chaos (Beruf, private Situation, finanzielle Lage) geendet ist. Aus den Aussagen und Handlungsweisen dieses Menschen erscheint es mir so, dass die Person konsequent an einem nicht erfüllbaren Lebenstraum festgehalten hat und jegliche Veränderung in der realen Situation ignoriert hat - und es dann irgendwann vorgezogen hat, sich einfach komplett aufzugeben.
Leider mußte ich auch schon einige Tricks und die besondere Hartnäckigkeit dieses Messi’s kennen lernen, um die privaten Räumlichkeiten vor den Einblicken anderer abzuschotten. Jede voreilige Anfeindung an Angehörige oder Leute im näheren Umfeld eines Messi’s mit dem Tenor “Warum habt Ihr da nicht eher eingegriffen und geholfen?” erscheint mir daher unpassend. Aus meinen Erfahrungen sage ich, es ist sehr schwierig, das Vertrauen eines unter dem Messi-Syndrom leidenen Menschen zu gewinnen (der erste und wichtigste Schritt, um die Situation dieses Menschen verbessern zu können).
Ich finde es einfach mutig von den Herren Haemmerli, die Tragödie in der eigenen Familie an die Öffentlichkeit zu bringen und so bei den Leuten mehr Sensibilität für dieses Thema zu schaffen. Den Film werde ich mir sicher noch anschauen - alleine schon aus Interesse, wo es Paralleln zum mir bekannten Fall gibt.
16 Thomas Haemmerli (Autor) am 18. April 2008, 13:46 Uhr
Ulla schreibt:
Vielleicht waren die Dinge für Ihre Mutter Ersatz für das Leben. Denn als junge Frau mit Mann und Kindern hatte sie doch ein gemütliches Heim !Da war ja Leben in der Bude. Die Einsamkeit Ihrer Mutter hat mir aber sehr Angst gemacht und auch Ihre Haltung als Söhne.Traurig fand ich das. Warum konnten Sie nicht zusammen mit der Mutter ausmisten und Spaß dabei haben - so wie mit den Freunden, die sich freuten Einiges geschenkt zu kriegen.”
Es gab keine heile Anfangszeit, meine Mutter sammelte schon in den Sechzigern massiv, konnte die Dinge aber noch ordnen. Und es ist falsch, dass sie einsam war. Sie hatte einige Bekannte und Freunde, mein Bruder hatte eine recht enge Beziehung, so hat sie auch kurz vor ihrem Ableben zwei Wochen bei meinem Bruder gewohnt.
Wer glaubt, Messies würden auf die helfende Hand warten, um gemeinsam auszumisten, verkennt die Situation. Man kann das auch der Diskussion hier im Blog entnehmen, die nach der Ausstrahlung im australischen TV losgegangen ist. Leute, die nicht mit dem Phänomen konfrontiert sind, behaupten oft, man hätte nur helfen müssen, dann wäre alles gut geworden. Messies und Angehörige wissen, dass Messies gar nix wegschmeissen wollen. Und oft abstreiten, überhuapt ein Problem zu haben.
Ich habe die Finanzen meiner Mutter in Ordnung zu halten versucht, mein Bruder hat sich um andere Dinge gekümmert, und schon da war unsere Mutter widerspenstig und renitent, weil sie fand, es gehe nicht an, dass wir uns in ihre Angelegenheiten einmischen würden. Obwohl sie immer, trotz anständiger Rente, immer wieder Geldschwierigkeiten hatte, war sie der Auffassung, sie könne sehr gut mit Geld umgehen. Schuld waren immer irgendwelche dummen Zufälle.
Deshalb war es auch nicht möglich miteinander auszumisten und dabei Spass zu haben. Ich empfehle übrigens für die Psychologie eines Messies den Roman Der Sammler von Evelyn Grill. Sehr gutes Buch, das die Innenwelt eines Messies beschreibt und zeigt, warum es Spass beim Ausmisten gar nicht geben kann.
17 Andrea 2 am 18. April 2008, 16:09 Uhr
‘Wer glaubt, Messies würden auf die helfende Hand warten, um gemeinsam auszumisten, verkennt die Situation.’
mitteilung von fastmessie: natürlich hoffe ich auf hilfe! ich versuche schon seit einigen jahren meiner familie zu sagen, dass ich überfordert bin und unterstützung brauche. ich sage es … und erwähne es … und frage mich, was rüberkommt.
sie sehen eine aktive, intelligente engagierte frau die sofort mal einspringt wenn not am mann ist. die die familie mit links managt. schönes haus und garten hat (etwas unordentlich)…
und meine realität: ich merke wie mir mehr und mehr entgleitet. mein büro ist seit jahren auf boden aufgehäuft und in säcken. post/rechnungen öffne ich selten. notaktionen bei zuvielen mahnungen. keine belege bei problemen mit rechnungen, versicherungen, handwerkern, quittungen. die kinder haben zu viele kleider, weil ich nicht weiss wo die wäsche ist und neu kaufe, damit sie nicht auffallen. zimmer schliesse ich ab, damit besuch nicht per zufall reinschauen können.
es wäre schön, wenn freunde oder verwandte oder eltern meinen worten glauben würden und mir helfen würden, ohne mich deswegen abwertend zu betrachten. was für hilfe? zum beispiel eine art begleitung oder motivation: wenn ich das büro begehbar mach, bringen sie einen kuchen zum feiern… einfach freundliches interesse an meinen bemühungen! was ich nicht ertrage, ist wenn man mich als ‘problem’ behandelt - auch wenn ich eins wäre! vor jahren sagte mir mal eine verwandte ich soll zum psychiater gehen. einen spötttischen satz über den gartenzaun nennt sie hilfe. diese art ‘hilfe’ weise ich natürlich zurück und verschliesse meine realität vor ihren augen.
gruss an andere messies!
:-)
18 MartinaSommer@gmx.de am 19. April 2008, 12:59 Uhr
Hallo Thomas,
ich bin die Person, die Deinen Film aufschlußreich fand.
Den Anfang des Filmes empfand ich ehrlich gesagt schon heftigst, Deine Bewegggründe dafür,dies so zu machen, kann ich aber sehr gut verstehen. Die Kinderbilder der Vergangenheit haben dann doch die Tragik der Geschichte etwas abgemildert. Ich habe es gerade so aushalten können, aber ich bin froh, dass ich da geblieben bin. Zur Messieproblematik fand ich gut, dass Du das Thema Angst angesprochen hast. Du sprachst auch die Umtriebigkeit Deiner Mutter an.
Ich denke Umtriebigkeit hat auch damit zu, dass man in Beziehungen zu anderen Menschen etwas sucht, was man eigentlich nur bei sich finden kann. Man läuft vor sich selber davon.Gestörte und negative Beziehungsgeflechte, die man nicht auflösen kann, sind sicherlich auch ein Faktor der Messieproblematik.Diese Ursachen werden zumindest in meiner Messiegruppe nicht thematisiert.
Yoga und Meditation können vielleicht auch dazu beitragen, sich selber mit der vielschichtigen Problematik zu konfrontieren und Veränderungen zu wollen und in Gang zu setzen.
Der Weg führt zuerst zu sich selber, bevor man Hilfe annehmen kann.
Ich finde es auch manchmal einfach nur toll, Sachen um mich zu scharen und mir damit eine Sicherheit und einen Schutz zu geben.
Aber genauso bin ich mehr als froh, wenn ich alles los geworden bin.
Ich stehe an der Schwelle.
Dein Film hat die Problematik des Messieproblem sehr facettenreich dargestellt, ohne mich umzuhauen.
Der Anfang des Filmes hat zwar
aufgerüttelt, aber eine Sensiblität und eine gute angemessene Art von Humor für das Thema war im Film vorhanden.
Nicht zuletzt hat deine lockere, offene Art
des Gesprächs hinterher noch dazubeigetragen, dass ich danach mich ins Tanzvergnügen stürzen konnte . Nach dem Motto: “Don´t worry, be happy” Dein “Flirtblick” hat übrigens gut getan!
Ich wünsche Dir noch eine gute Zeit in Kölle
Tina
19 Maximilian am 20. April 2008, 9:30 Uhr
Hallo Thomas,
wir als Ehepaar sehen uns leider in unseren schlimmsten Befürchtungen bestätigt.Unsere beiden Mütter leben jeweils in einem viel zu großen Haus, natürlich allein und kommen darin nicht mehr zurecht.
Natürlich wollen sie an diesem zustand nichts ändern und finden es völlig in Ordnung.
Die Damen sind 72 und 77 Jahre alt und räumen nicht mehr auf, sondern leben mit den Relikten aus 4 Jahrzehnten Familie weiter.
Innerlich haben wir uns mit diesem Zustand arrangiert und warten auf den Einsatz.
Es gibt aufzuräumen ein Haus in München, ein Haus in Schweden und ein Ferienhaus in Finnland.
Gottseidank gibt es auch teilweise Kamine.
Der finanzielle Aufwand für diese Aktionen wird wohl beträchtlich werden.
Uns war klar, daß wir nicht allein in einer solchen Situation sind.
Der Film hat uns deshalb sehr gut gefallen, ganz besonders weil ihr als Brüder so zusammen gehalten habt.
Schönen Gruß aus München
Anne und Maximilian
20 Thomas Haemmerli (Autor) am 20. April 2008, 23:48 Uhr
Herzlichen Dank für all die Kommentare. Bin noch auf der Tour, zz gerade hundemüde und melde mich dieser Tage noch ein wenig detaillierter. Bon nuit!
21 Designer Dimi am 24. April 2008, 12:56 Uhr
Kreativität und Ordnung haben ein sehr gespaltenes Verhältnis. Während in jeder Design Zeitschrift man defacto leere schicke Designer Wohnungen sieht, kann keiner von den Kreativen an einem blanken Tisch arbeiten - das ist einfach unmöglich!
22 Caroline am 1. Mai 2008, 11:31 Uhr
Lieber Thomas, liebe Mitlesende,
ich schließe inhaltlich gleich an den Vorredner an, zunächst aber vielen Dank für diesen Film, der mich sehr stark motiviert. Besonders erleichternd fand ich dreierlei: Die Wucht, mit der da weggeworfen und zerhackt und zerdöppert wurde, die Freude am Wegschenken von noch Brauchbarem und die große Portion Humor, die das Ganze begleitet!
Dieser Tage miste ich Verbliebenes von meinem Ex-Mann aus, der als Grafiker Stifte, Vergrößerungsgeräte, irgendwelche Motoren, Papierrollen, Letraset-Buchstaben und Lineale hortete, dazu Entwürfe in hoher Zahl, es könnte ja mal eine verworfene Idee doch wieder nützlich werden.
Als er nach der Trennung auszug, hinterließ er derlei und fing aus einer Ein-Zimmer-Wohnung nach Computerschulung mit modernster Technologie neu an. Zermürbt vom jahrenlangen Rosenkrieg, habe ich hinter dem Zimmer mit seinen Sachen erst einmal einige Jahre lang die Tür zugemacht - und bin nun “dran”. Zur Ermutigung sah ich gestern den Film und war begeistert, wie viel urkomische Momente dieses traurige Thema durch Ihre Art der Aufbereitung bietet. (Auch den Vorfilm fand ich genial ausgesucht.)
Ausgehend von der Generation meines Ex-Mannes (er ist in den späten 50ern geboren), überdenke ich jetzt meine eigene Situation, auch im Vergleich mit Freunden aus dem Ausland, denn offenbar gibt es in der Generation der Nachkriegsgeborenen Deutschen oder von Deutschen Abstammenden eine geteilte Grunderfahrung. Die emotionale, zentrale Not des Verlusts, die viele unserer Eltern als Kinder und junge Menschen erlebt haben, Mangel, Hunger und Not sowie das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, hat einst in der beginnenden Wohlstandszeit für Reizüberflutung gesorgt. Und wenn bei Vorbelasteten das Gefühl “jetzt-habe-ich-endlich-was” zuschlägt, fehlt etlichen offenbar die Distanz zum Beurteilen, Einschätzen, Kategorisieren, Ablegen. (Ich betone die Frage der Herkunft so sehr, weil ich in vielen Jahren im Ausland bemerkt habe, dass die Mehrzahl meiner Freunde, deren Eltern nicht direkt vom 2. WK betroffen waren, von ihren Vorfahren sehr viel weniger Ängste “geerbt” haben als ich.)
Diese emotionale Grundkonstellation der Not machte meine Schwiegermutter aus, wobei sie unter dem gesellschaftlichen Druck einer Kleinstadt nach außen einen geordneten Lebenswandel nicht nur ausstrahlte, die ’sichtbaren’ Räume waren genau das (andere kenne ich nicht). Sie hat diese emotionale Konstellation 1:1 auf ihren Ältesten übertragen, dem noch vier Kinder nachfolgten, was zu ökonomischen Schwierigkeiten führte. Ich bin auch Älteste einer kinderreichen Famlie und hatte Verständnis. (Der Begriff der Ko-Abhängigkeit bei Alkoholismus ist hier zu zitieren.)
Also: Ich sehe hier eine Gemengelage von aus zum Teil vererbten Urängsten, Konventionem (nach außen ist immer alles grandios und viel besser als bei anderen), eigenen Ängsten, die sicher auch der erlebte Zwiespalt aus Anspruch und Wirklichkeit befördert, dem Gefühl der Machtlosigkeit, das Hand in Hand mit Überfordertsein geht und falschen Prioritätensetzungen.
Noch einmal Danke für dien Film. Das “downshifting” bzw. die Verlagungerung des Sammelwahns aufs Digitale sind Moden bzw. technische Möglichkeiten, die zu mehr Luft und Leichtigkeit führen, die aber hoffentlich nicht jene, die das nicht leben können, nicht noch stärker stigmatisieren.
23 Marcel am 17. Juni 2008, 19:56 Uhr
Für mich ist Ordnung auch auf jeden Fall wichtig. Wenn an meinem Arbeitsplatz Unordnung herrscht, regt mich das nur auf und ich kann nicht arbeiten.
24 sebastian am 18. Juni 2008, 14:32 Uhr
@ # 20 Thomas
fand den Film zwar stellenweise witzig, aber auch bös respektlos gegenüber der alten Frau. Es hatte sicherlich über das im Film Angesprochene hinaus gute Gründe, daß es mit den Söhnen keine gute Beziehung mehr gab und sie einsam vermodert ist…
Und nebenbei, Herr Journalistiker aus dreisprachigen landen: Nuit ist weiblich, also bonne nuit - wenn schon ausländlisch, dann richtig…
25 Köschi am 24. Juni 2008, 1:32 Uhr
Hallo zusammen.
Benötige mal den ein oder anderen Rat von Euch.
Ich lebe seit guten 5 Jahren in einer eigentlich glücklichen Beziehung. Leider ist für Sie meine “kleine” Unordentlichkeit ein Dorn im Auge.
Ich gestehe ja ein, dass ich nicht unbedingt der geborene Putzteufel bin und mich nach Feierabend lieber mal auf die Couch lege und einfach nur vor mich hindöse…….:-)
Ich gehe jedoch mal davon aus, dass das eines Tages unsere Beziehung zerbrechen lassen wird. Ich habe ihr ja auch schon oft zugesagt dass ich mich ändern werde und “alles besser wird”, aber ich bleibe nach wie vor einfach nur faul.
Versteht das bitte nicht falsch. Ich bin wirklich nicht der geborene Unordentliche Mensch. Bei anderen Leuten bin ich der höflichste und freundlichste Kumpel, der das Geschirr aufräumt und den Tisch abdeckt.
Zuhause lass ich es jedoch stehen, bis es Füsse bekommt.
Hat mir mal jemand einen guten Rat oder einen guten Tipp was ich den ändern könnte?
Habe mir ja auch schon oft vorgenommen öfters mal die Wohnung zu putzen, das Geschirr zu verräumen, etc. leider ist es dabei auch geblieben.
26 Daniel Heimer am 28. Juni 2008, 16:30 Uhr
Tja das ist, wie mein Vorredner schon gut erkannt haben, von Person zu Person verschieden. Für den Einen ist es Unordnung, für den Anderen das geordnete Chaos. Jeder kommt eben anders damit zurecht.
27 Wackermann am 14. Juli 2008, 18:08 Uhr
Vermutlich hilft nur, möglichst sorgfältig schon beim Kauf jeder Kleinigkeit zu sein. Brauche ich wirklich drei verschiedene Suppenkellen? Brauche ich wirklich schon wieder einen neuen Aktenordner, oder kann ich die alten nicht ersteinmal ausmisten? Lese ich das Buch wirklich - oder steht es nach den ersten zehn gelesenen Seiten weiterhin ungelesen im Regal?
Das kann man so weiter spinnen. Die Methode funktioniert nach dem Motto - wehret den Anfängen. Ab und an wird ein Ausmisten und vorallem ein Loslassen von Altlasten aber unumgänglich sein. Nicht jeder kann das ohne Probleme - und so kann das schell in Chaos und Müllberge übergehen.
28 esteban am 17. Juli 2008, 21:19 Uhr
Letzte Woche bei der Abdankung des mit 71 verstorbenen Ehemannes einer Mitarbeiterin. Der Pfarrer wählte zum Trost dieses einen seiner vielen Schäfchen das Thema “Wir sind Pilger, nur auf Zeit hier”, und Weiteres.
Letztendlich ist doch das Türmen von Ware um sich herum nichts anderes, als das Nicht-wahr-haben-wollen dass es vorbei sein wird.
Im Falle von Frau Hämmerli selig wohl eher: dass es vorbei ist (die Ehe, der Nachkriegswohlstandstraum-now we!. Obwohl Thomas berichtet, dass Mutter schon sammelte, als die Buben allenfalls noch gar nicht geboren?
Meine Mutter hat auch gesammelt. Auf unserer Reise - in den Sechzigern/Siebzigern - von Mexiko über Argentinien, Brasilien und Peru nach Portugal. Als die Endstation CH angesagt war, der Wechsel von einer geräumigen Villa in eine doppelte 4 Zi Wg in einem Arbeiterhaus in Winterthur Anno 1905, erbaut von meinem Grossvater Schuhmacher und dann Pöstler in einem heute begehrten Wohnquartier, musste reduziert werden. Diese Zäsur erledigte sie im Team mit ihrem Ehemann-meinem-Vater, im Alter von 65 und mehr. Alleine wäre das wohl schief gegangen. Die Wg wahren dann trotzdem zugestopft mit all der Ware. Anfänglich war oft die Sorge zu hören, was mit dem Zeugs, wenn wir nicht mehr sind? Anti-Messie? Heute sind die Leutchen 81 und 83, das Material kein Thema mehr. First come first serve. Das Bewusstsein, dass die Jungen dann schon räumen. Schöne Lockerheit fürs Alter.
Und warum?
Weil sie es geschafft haben, nach über 53 Jahre Ehe immer noch zusammen zu wursteln.
Die Botschaft?
Lasst uns gopferteli nicht meinen, Streetparade-Hedonismus muss. Ich-muss. Oder anders: Rückengrat beim Entscheid, Kinder auf die Welt zu stellen. Empathie und Kompromiss statt uinäi-ich-wott-nüüt-häärgää.
Messi wird doch jede/r, der mit Verlassenheit oder nur schon der Lebensimmanenten Einsamkeit fertigwerden muss und es einfach nicht schafft …
Den Film jedoch muss ich mir nochmals reinziehen, nehme schwer an, auf dieser Web kann man auch mit Visa zahlen … ;-)