In der Reihe “Sie fragen schonunglos: Wir antworten fadengerade” erreicht uns via das Magazin Facts, im Journalistenlingo “Faxen-Magazin” genannt, eine Frage von Kritikerin Marianne Fehr:
Etwas zu viel auch an Intimität, die Haemmerli von der Verblichenen preisgibt: Wer muss schon wissen, von welchen Geschlechtskrankheiten sie heimgesucht wurde.
Genau, warum gibt man schmutzige Ehedetails der Eltern preis? Und wer muss das wissen? Wissen muss das, scheint mir, der Zuschauer und der politisch interessierte Bürger.
Konkret: Ich zitierte aus den Scheidungsakten meiner Eltern. Was im Film verlesen wird sind Sachverhalte, die so vor Gericht vorgetragen, protokolliert und in Dossiers verewigt wurden.
Machen kann man das, weil meine beiden Eltern tot sind. Ich zitiere das in meinem Film, weil er von der Zumutung ausgeht, was Eltern einem hinterlassen. Und es gehört zur Geschichte, weil eine der zentralen Beschäftigungen meiner Mutter der juristische Kampf gegen meinen Vater war. Der kräftig zurückgab. Verstehen kann man das nur, wenn man sich vorstellt, was es hiess, derlei Geschichten vor Gericht ausbreiten zu müssen.
Meine Eltern wurden noch nach dem alten Eherecht geschieden, dass die Leute zwang, die Schuldfrage zu klären und schmutzige Wäsche zu waschen. Und damit zum Grund, warum der politische Bürger von den Geschlechtskrankheiten meiner Mutter wissen muss. 1985 wurde das alte patriarchale Eherecht, das noch eine klare Überordnung des Pater Familias über die Gattin festschrieb zusammen mit dem alten Scheidungsrecht abgeschafft. Bekämpft wurde diese Revision von Christoph Blocher, der damit erstmals schweizweit unangenehm verhaltensauffällilg wurde und seinen Aufstieg zum Führer des nationalkonservativen Lagers begann.
Am 6. Juli 2006 gab eine Scheidungsanwältin im nationalkonservativen Sprachrohr Weltwoche (beim dem damals übrigens auch unsere Fragestellerin in Lohn und Brot stand) Folgendes zu Protokoll:
Ich komme zurück auf die Schuldfrage, die viele so gerne abgeschafft sehen wollten. Ich traure dem wirklich nach. Mit dem Schuldprinzip musste man Zerrüttung beweisen, beispielsweise durch Ehebruch, Kommunikationsunfähigkeit, psychische oder physische Gewalt. Und indem man das tat, verarbeitete man ein Stück Leben.
Ich zitiere die Scheidungsakten, weil man dabei mithören kann, wie es im konkreten Fall klingt, wenn man “ein Stück Leben verarbeitet”. Meine Eltern haben sich nach der “Verarbeitung” 30 Jahre lang bekämpft, ihr Beispiel zeigt, warum die Verteidigung der Schuldfrage Unfug ist.
Auch deshalb gehört Mutterns Untenrum in den Film.

7 comments
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1 Svenja on 2007-04-07, 4.31 pm h
Zitat aus “Von Mutters Untenrum” auf dieser Website:
“Meine Eltern wurden noch nach dem alten Eherecht geschieden, dass die Leute zwang, die Schuldfrage zu klären und schmutzige Wäsche zu waschen. Und damit zum Grund, warum der politische Bürger von den Geschlechtskrankheiten meiner Mutter wissen muss.”
Ist das nicht widersprüchlich? Indem die Schuldfrage geklärt werden musste (was übrigens nur der Fall war, wenn keine Einigkeit der Eheleute vorlag, den Zerrüttungsparagrafen gab es ja schon bereits seit ZGB), wurden persönliche und intime Details während des Prozesses ausgebreitet, das ist richtig. Dahin wollen wir nicht zurück. Und deshalb wäscht der Autor die schmutzige Wäsche seiner Eltern in aller Öffentlichkeit? Und gerade damit auf einen nicht wünschenwerten Zustand hinzuweisen … ?
Es erstaunt mich übrigens nicht, dass von den Leuten, die den Film gesehen haben, weniger negative Kommentare kommen als von den anderen.
Denn nur schon die Bereitschaft, sich den Film anzugucken, verweist ja schon auf eine gewisse Akzeptanz. Selbst bin ich mir noch nicht schlüssig.
Grüsse, Svenja
2 Thomas Haemmerli (Author) on 2007-04-07, 5.23 pm h
Hallo Svenja
Selbst wenn sich Ehepaare einig waren, dann musste die Zerrüttung nachgewiesen werden. Auch das hiess coram publico schmutzige Wäsche waschen.
Wenn ich das heute zitiere, dann geht es mit um eine historische Position (wie war das damals), um eine individualpsychologische (warum haben sich meine Eltern später so bekämpft) und um eine aktuell-politische (warum irrt die Weltwoche).
Einen Widersrpuch sehe ich darum nicht, weil der Schaden damals angerichtet worden ist. Heute kann kein Schaden mehr angerichtet werden, meine Eltern sind beide tot.
Argumentiert man verantwortungsethisch, dann ergeben sich aus den Zitaten im Film zwei positive Gesichtspunkte: Es wird ein historischer Zustand verdeutlicht. Und es kommt ein anschauliches und konkretes Beispiel, das in eine - wenn auch nur schwelende - Debatte eingreift.
Einig bin ich bei der Feststellung, dass wenn die Mehrheit der Zuschauer den Film positiv beurteilt, das noch lange nicht heisst, dass auch ein durchschnittliches Sample aus der Bevölkerung ihn mögen würden.
Wir haben überall meinen schwarzen Humor betont, weil ich sicher nicht der richtige Mann für die ganz zartbesaiteten Zeitgenossen bin.
Ich freue mich schon, wenn ich überhaupt ein Publikum finde, und ich freue mich auch, dass der Film über das lokale Publikum, das mit den zürcherischen Gegebenheiten vertraut ist, hinaus auf Interesse stösst. Ich weiss mehr, wenn die englische Fassung diesen Monat in Toronto gelaufen sein wird.
Mit den besten Grüssen
Haemmerli
3 roland on 2007-04-14, 6.06 pm h
aus 2.TH - 7.4.07 17:23h” … Ich freue mich schon, wenn ich überhaupt ein Publikum finde, ich freue mich auch, dass der Film über das lokale Publikum, das mit den zürcherischen Gegebenheiten vertraut ist, hinaus auf Interesse stösst. Ich weiss mehr, wenn die englische Fassung diesen Monat in Toronto gelaufen sein wird…..”
…das Lokale ist leicht vergessbar, es sei man ist verbandelt frei-oder unfreiwillig.
LbTH vielleicht mögen sie “interpretieren” nicht so sehr, wie auch nicht den Blickwinkel der Parabel. Aber so wie ich den Film sah, wie ich meine er auch (nicht ausschliesslich) angelegt ist, ergibt sich eine sehr starke Umsetzung von:
…macht aus dem Staat Gurgensalat
ganz unabhängig Ihrer persönlichen psychologischen “Befangenheit”, positiver gesagt Betroffenheit, kann der Film doch mehr als Parabel zur Zeit (60-90iger) - Entwicklung der sog 68er und auch mentale RAF-Entwicklung gelesen bzw. gesehen werden.
Ihr persönliches moralisches Plus: sie kamen ohne Morde aus!
Weshalb sollte nicht genau dieser Film die Filmikone dieser gesellschafts-politischen/-philosophischen Idee werden, die schon heute von Zeitgenossen nicht mehr vermittelt werden kann. Um zu verstehen wann Hoffnungslosigkeit in Zerstörung eskaliert eignet sich Ihr Film doch besonders gut. Was noch zu jenen Zeiten ‘verrottet’ heissen konnte, kann man jetzt halt Messi benennen.
Aber als Publikum werden sich einerseits die psychologisierenden Zuschauer, wie auch andere etwas rausholen, weshalb also meinen es gäbe kein Publikum? es wird geben! mehr als Ihnen lieb ist. Das Spektrum ist doch breit genug um von Sozialarbeitern über Psychopersonal bis Kulturfreaks alle bedienen zu können. Und fängt da ein ‘Werk’ nicht an, aus einem persönlichen Dilemma oder einer persönlichen Banalität herauszuführen?
und seit wann durften noch so “schockierende” Abhandlungen keinen ganz persönlichen Hintergrund haben? und Mutterschutz? wie oft kommt gerade dieser Ruf, stark aus der (auch unbewussten) Marienkultecke - und zeitbedingte Details wie Juristisches, medizinisches, deren Bedeutungswert von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sich ändert - die “Neutralisierung” ist doch ausser Persönlichkeitsschutz auch nur Kunstgriff!
das als Nebenbemerkung für die “Legitimierung” (so etwas in der Art machen zu dürfen wie diesen Film) -
Und mit der “Unterstützung” von der falschen Seite können Sie ja wohl umgehen, wie auch mit den variationsreichen Vorwürfen es nicht so genau zu nehmen mit der Pietät! - bei aller Sensibilität, wenn es um so eine nahegehende Geschichte wie die Ihre, bzw ihren Film geht, werden Sie es zu überhören, ignorieren lernen, zumindest ist es Ihnen, bzw Ihnen beiden zu wünschen.
Und einen Blickwinkel zu haben, der auch für Sie aus der absolut falschen Ecke kommt - tut mir schon Leid Sie damit zu belästigen, aber weil lesen und sehen immer so unzumutbar individuell ist…. werden wir es beide überstehen - in diesem (auch noch so verqueren) Sinne alles Gute.
4 Thomas Haemmerli (Author) on 2007-04-15, 5.22 pm h
Lieber Roland, freut mich wenn Sie den Film interessant finden. Wie Sie die Kurve zur RAF sehen, ist mir nicht ganz klar. (übigens einer der besten hiesigen Dokfilme über den Weg zu bewaffnetem Kampf udn Terrorismus ist Gisieger Zwinglis DO IT. EIn extrem lustiger Film, der sehr viel erhellt, und von dessen Geist ist mir eine schöne Scheibe abgeschnitten habe, wenn ich hier auch mal mir verquer-verbotenen Metaphern rumballern darf. Und Gisieger hat mir auch sehr mit ihrer konstruktiven Rohschnitt-Kritik geholfen.
all the best!
5 So-Keht-das-doch-nicht on 2007-07-28, 4.15 pm h
ich finde es nicht so toll - aus dem Dahingehen seiner Mutter so ein Geschäft zu machen - Ein Menschl beibt ein Mensch und - man kann ja einen Film drehen aber doch nicht mit einem solchen Niveau? Messimother? Was soll so ein Wort - ich finde dies sehr sehr merkwürdig! Eigentlich tut es mir sogar etwas weh :( schade!
6 Eva on 2008-04-15, 8.06 pm h
Herzlichen Glückwunsch,bin ganz Ihrer Meinung… natürlich gbt es Gesprächsbedarf….habe das Interview auf Radio1 gehört und den Trailer imNet gesehen….Lassen Sie sich nicht beirren, den Mutigen gehört die Welt ,und es ist äußerst legitim die Eltern(bzw. die Mutter) zu kritisieren…freu mich sehr auf den gesamten Film ,
Weiter so und immer schön opportun bleiben, herzlichst, Eva
7 Fran on 2008-07-13, 9.41 pm h
Lieber Thomas, ja ich hab’s mir angesehen, und ja, es tat weh. Ich darf dich sicher du nennen, denn eigentlich sind wir Geschwister. Nicht über einen italienischen Conte verwandt, aber durch eine zugemüllte Vergangenheit resp. bei mir ist es immer noch Gegenwart. Bei mir ist es alle paar Jahre eine Mulde, und das reicht jeweils schon füglich. Und ich weiss, ohne brandschwarzen Humor geht gar nichts. Sich immer wieder der Fassungslosigkeit stellen, der Verzweiflung, der Ohnmacht, dem Mitleid, schwankend zwischen Hass und Selbsthass usw. usw. Auch meine Mutter ist eine hochintelligente, kultivierte Frau.
Wenn die Wirklichkeit vulgär ist, gibt es nichts zu beschönigen. Und Überforderung darf spürbar sein. Im grossen und ganzen habt Ihr das Thema trotz eurer Betroffenheit mit erstaunlichem Feingefühl dargestellt. Wart um Objektivität und Respekt bemüht. Und wer’s nicht selber erlebt hat, hat keine Ahnung, was das für eine Leistung ist. Danke euch! Fran